Achtsame Führung: Innere Präsenz statt Autopilot

Veröffentlicht: 13.04.2026

Zuletzt bearbeitet: 18.04.2026

Ein Wassertropfen an einem Grashalm der Achtsamkeit und Fokus im Führungsalltag symbolisiert.

Wer im Autopilot-Modus führt, bekommt sich selbst nicht mehr mit. Und damit auch nicht das, was gerade wirklich passiert. Missverständnisse häufen sich, Konflikte eskalieren schneller, Entscheidungen passieren einfach, ohne dass sie wirklich getroffen werden.

Achtsame Führung setzt genau hier an. Nicht als Methode zur Außenwirkung, nicht als Führungspersönlichkeit die „präsent wirkt“. Sondern als Fähigkeit, den eigenen Zustand zu bemerken und aktiv zu gestalten, statt von Situationen gestaltet zu werden.

Dieser Artikel basiert auf dem protea Leadership-Circle zum Thema „Leadership & Presence“. Ibrahim (Co-Host des Formats & Mindful Leadership Trainer) hat einen Impulsvortrag gehalten und es gab einen intensiven Austausch zu den Themen und deren Zusammenhang: (innere) Präsenz, Führung, Autopilot-Modus und vor allem auch die Frage: Wie kann ich achtsame Führung stärken?

Achtsamkeit und Führung: Was die Neurowissenschaft zeigt

Das sogenannte Default Mode Network, ein Verbund von Hirnarealen, ist besonders aktiv, wenn wir im Autopilot-Modus sind: wenn wir grübeln, in der Vergangenheit oder Zukunft hängen, ohne konkreten Fokus im Hier und Jetzt. (Quelle)

In MRT-Studien leuchteten genau diese Bereiche auf, wenn Teilnehmende einfach still dasaßen und nichts taten. Sie waren, wie sie selbst berichteten, mit Gedanken über Vergangenes oder Kommendes beschäftigt. (Quelle: Brewer et al., 2011)

Studien mit Menschen, die regelmäßig meditieren, zeigen zwei Dinge: Sie verbringen weniger Zeit in diesem Hirn-Netzwerk. Und sie haben stärkere Verbindungen zwischen den zugehörigen Bereichen und dem präfrontalen Kortex, dem Teil des Gehirns, der für bewusstes Entscheiden und Planen zuständig ist. (Quelle)

Das bedeutet: Die Fähigkeit zu wählen, wann man wie reagiert und warum. Das ist kein „Nice-To-Have“ als Führungskraft. Es entscheidet maßgeblich darüber, wie man als Entscheider:in unter Druck agiert.

Innere Präsenz heißt zunächst: nicht im Autopilot-Modus zu sein

Das Gehirn ist auf Effizienz gebaut. Für vertraute Situationen aktiviert es gespeicherte Muster: Der Weg zur Arbeit, Rechner hochfahren, Smalltalk mit bekannten Kolleg:innen und auch die Agenda ist vertraut. In diesen Situationen können wir dann Tagträumen, uns mit der Präsentation für den Projekt-Pitch beschäftigen oder nochmal die „peinliche“ Situation von gestern Abend innerlich abspulen. Autopilot ist im vollen Gange. Wir alle kennen das.

Ibrahim beschreibt es so: Das Gehirn ist wie ein Flugzeug im Autopilot-Modus. Es kennt die Route, die Flughöhe, das Wetter. Solange alles vorhergesagt ist, läuft es reibungslos. Aber wenn plötzlich ein Sturm kommt, der nicht im System steht, gerät das Autopilot-Programm an seine Grenzen.

Achtsam führen heißt: den eigenen Zustand beobachten können

Präsenz ist nicht einfach das Gegenteil von Ablenkung. Sie hat eine zusätzliche Qualität, die im Englischen Meta-Awareness heißt: die Fähigkeit zu bemerken, dass man gerade nicht präsent ist. Das kennt fast jeder vom Autofahren. Du fährst, denkst an etwas anderes, und dann kommt plötzlich dieser Moment: Warte, ich muss jetzt auf die Straße achten. Etwas in dir bemerkt die Ablenkung und macht eine Pause. Aus dieser Pause entsteht Handlungsspielraum. Zu dieser Pause gesellt sich außerdem ein bestimmter Gleichmut (equanimity), nicht als eine Alles-Egal-Haltung, sondern eine Ausgeglichenheit, Offenheit und Klarheit bezüglich dem, was gerade ist.

„Leadership Presence is the ability to be fully present for what is happening while it is happening, with a sense of equanimity and clarity.“
[The Institute for Mindful Leadership]

Und auch diesen Modus kennst du gut aus deinem Unternehmensalltag: Du nimmst eine Mini-Geste der Kollegin war und gehst darauf ein, du kannst dem Kollegen voll und ganz zuhören und es ergibt sich eine überraschende Wendung im Gespräch, du kannst dich im Meeting auf eine andere Lösung, entgegen deiner Erwartung einlassen, du lässt los.

Reaktive vs. achtsame Führung: Was der Unterschied im Arbeitsalltag bedeutet

Wenn eine Krise auftaucht und du im Autopilot-Modus unterwegs bist, was wir meistens sind, schaltet das Nervensystem in einen Schutzmodus. Diese Schutz- oder auch Stress-Reaktion basiert auf Mustern: du handelst aus Angst, aus Gewohnheit, aus dem ersten verfügbaren Impuls heraus. Das ist nicht automatisch „falsch“, aber du agierst nicht bewusst, sondern reagierst unkontrolliert. Das ist in der Regel nicht die best mögliche Option im Krisenfall.

Im Führungsalltag sieht das z.B. so aus: Eine unerwartete E-Mail, eine heftige emotionale Reaktion eines Kollegen, ein Ergebnis, was nicht den eigenen Erwartungen entspricht oder auch eine Situation, die scheinbar völlig grundlos in einen Konflikt mündet. Und was ist die Schutzreaktion- bzw. das gelernte Stressmuster? Eine schnippische Antwort, eine Rechtfertigung, komplettes Ignorieren und weiter im Programm.

Was wir in der Regel nicht tun, ist: 1) Innehalten 2) Fragen: „Was passiert hier gerade?“ 3) Eine anschlussfähige Handlung definieren und 4) Die Handlung auch umsetzen. 

Achtsame Führung bedeutet nicht, langsamer zu werden oder weniger entschieden zu handeln. Es bedeutet, vor der Reaktion einen Moment innezuhalten, den Reiz-Reaktion-Raum auszudehnen, um bewusst und im Sinne der Sache zu entscheiden, statt das persönliche Stressmuster entscheiden zu lassen. 

Wie wirksam ein nur vierwöchiges  Achtsamkeitstraining für das Erkennen und Unterbrechen dieses Reiz-Reaktions-Muster ist, vor allem auch in Konflikten, zeigen die Erfahrungswerte von über 6.000 Teilnehmenden im Programm „Search Inside Yourself“ von Google, welches Ibrahim (Co-Host protea Leadership-Circle & Mindful Leadership Trainer und Facilitator) aufgebaut und weltweit trainiert hat. 

Die Grafik zeigt die positiven Auswirkungen der eigenen Wahrnehmung auf Führung nach 4 Wochen Achtsamkeitstraining

Achtsame Führung unter Druck: Was uns aus der Präsenz reißt

Innere Präsenz ist kein Dauer-Zustand, den man einmal erreicht und dann für immer beibehält. Die eigene Aufmerksamkeitsspanne ist begrenzt und die innere Präsenz bricht weg. Es lohnt sich, besser zu verstehen, wann und wieso es bei einem persönlich konkret passiert.

Überforderung ist eine häufige Ursache. Wenn zu vieles gleichzeitig da ist, schaltet das System auf Überleben. Der Körper ist angespannt, die Aufmerksamkeit springt, die Entscheidungen werden immer reflexartiger.

Ähnliches gilt für anhaltende Erschöpfung: Wer körperlich angespannt ist, bis hin zu akuten Schmerzen haben, hat es doppelt schwer, im „Hier und Jetzt“ zu sein und sich im „Körper zu verankern“.

Und es gibt noch eine tiefere Ebene: Präsenz ist auch dann schwer, wenn eine grundlegende Unklarheit da ist. Nicht nur die Frage, was in diesem Meeting gerade gebraucht wird, sondern die größere Frage nach dem Zweck: Worum geht es eigentlich gerade in meiner Führungsrolle? Was ist mein Fokus, mein Kompass?

All das sind keine Schwächen. Es sind Hinweise. Anstrengende Situationen, konkrete Beziehungen, bestimmte Themen, die einen zuverlässig in den Autopiloten führen, sind keine Fehler im System. Sie zeigen, wo es etwas zu klären oder zu stärken gibt.

Wenn achtsame Führung gelingt: Verbindung statt Anstrengung

Präsenz hat auch eine andere Seite. Nicht nur das Bemerken des Autopiloten, nicht nur die Pause vor der Reaktion, sondern auch das Erleben, wenn es stimmig ist, eine Art Mühelosigkeit. Nicht Leichtfertigkeit, eher das Gegenteil von Reibung. Man ist ganz da, die Dinge fließen, Entscheidungen kommen nicht aus Anstrengung heraus, sondern entstehen aus Klarheit.

Manche beschreiben das als ein Gefühl, wie ein Instrument zu sein, als würde die Führung nicht von einem erzwungen werden, sondern durch einen hindurchfließen, wie eine Melodie. Man tritt gleichzeitig einen kleinen Schritt zurück und ist dennoch vollständig anwesend. Man beobachtet, was passiert, und ist mittendrin. Das ist kein Rückzug, es ist vollständige Anwesenheit mit Überblick.

Dieses Erleben ist kein Zufallsprodukt. Es entsteht häufiger dort, wo Klarheit über die eigene Führungsaufgabe besteht und wo der Moment nicht mit ungeklärten Hintergrundthemen oder konkreten Stressoren konkurriert.

Präsenz entsteht häufiger dort, wo Klarheit über die eigene Führungsaufgabe besteht und wo der Moment nicht mit ungeklärten Hintergrundthemen oder konkreten Stressoren konkurriert.

Achtsame Führung üben: Was du konkret tun kannst

In der Gruppenreflexion im protea Leadership-Circle wurde eines sehr deutlich:

Präsenz wächst durch Übung. Nicht durch die Absicht allein zu üben, sondern durch das tatsächliche Einräumen von Zeit dafür. Das klingt banal, ist es aber in der Umsetzung nicht. Unterstützend kann dafür ein „Achtsamkeitswecker“ sein.

Im Arbeitsalltag vergehen oft, ohne es zu bemerke Stunden, ohne einmal innegehalten, ein Glas Wasser getrunken oder sich ein bisschen gedehnt zu haben. Und wie war das nochmal mit der Augenpause? 😉

Ein Wecker, der regelmäßig unterbricht, schafft Momente des Neuausrichtens: einen kurzen Atemzug, eine Körperwahrnehmung, eine bewusste Frage: Wo bin ich gerade? Oder auch einfach nur ein dringend nötiger Schluck Wasser (nicht Kaffee).

Kraft- und Körperpausen im Arbeitsalltag integrieren, ist auch eine gute Möglichkeit, um raus aus dem Kopf und mehr in den Körper zukommen. Spätestens nach drei Liegestützen ist alles Grübeln und Gedankenwelzen unterbrochen und du kannst dich kurz einnal resetten.

Ein anderes Thema war die persönliche Detektivarbeit. Bevor man Präsenz trainiert, lohnt es sich zu erkunden, was einen überhaupt aus ihr herausbringt. Welche Settings, welche Themen, welche Beziehungen schalten zuverlässig den Autopiloten ein? Das erst einmal zu beobachten, ohne sofort zu verändern, kann ein wichtiger erster Schritt sein.

Für manche wurde in der Reflexion auch etwas Körperliches sichtbar: dass Reserven aufgebraucht sind, dass es Auftanken braucht. Präsenz setzt einen Grundzustand von entspannt sein voraus, wer dauerhaft erschöpft oder angespannt ist, kann den Autopiloten nicht zuverlässig unterbrechen. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der Voraussetzungen.

Und manchmal zeigt sich im Innehalten ein Thema, das größer ist als die aktuelle Situation. Eine offene Frage in der eigenen Führungsrolle, eine Unklarheit über den eigenen Kurs, ein Gespräch, das ansteht und ein Thema, das Aufmerksamkeit und Raum braucht. Auch das ist ein valider Befund und ein Hinweis darauf, wo der nächste Schritt liegt.

Weitere Ressourcen zum Thema „Achtsame Führung“

Präsenz lässt sich nicht einmalig herstellen. Sie entsteht durch Übung, und sie setzt voraus, dass man weiß, wo bei einem selbst der Autopilot zuverlässig anspringt. Wenn du merkst, dass du diese Frage für dich noch nicht beantwortet hast, oder dass da eine größere Unklarheit steckt, als nur die Frage nach der richtigen Technik, ist der Klarheits-Check ein sinnvoller nächster Schritt. Kein Programm, kein Commitment. Ein Gespräch, das Klarheit schafft.

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Melde dich zum nächsten Leadership-Circle am Freitag, den 8. Mai zum Thema „Leadership & Uncertainty“ an.

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Drei Atemzüge und der Autopilot ist unterbrochen.

5 Fragen zur Selbstreflexion 

5 Fragen zu Präsenz und Führung, für die eigenen „Detektivarbeit“ zum Thema. 

FAQ: Achtsame Führung

Achtsame Führung bedeutet, bewusst wahrzunehmen was gerade passiert: in sich selbst, im Gespräch, in der Gruppe, statt automatisch auf Situationen zu reagieren. Es geht nicht um Außenwirkung oder Auftreten, sondern um eine innere Haltung: Erkenne ich, wann ich nicht präsent bin? Und was tue ich dann? Was ist in diesem Moment die bestmögliche Handlung im Sinne meiner Aufgaben und Ziele?

Reaktives Führen bedeutet: Der Reiz kommt, die Reaktion folgt automatisch, geprägt durch mein persönliches Stressmuster, mein Abwehrmodus oder auch einfach meine Denk- und Handlungsgewohnheiten. Achtsames Führen setzt einen Moment des Innehaltens dazwischen. Dieser Moment ist klein, aber entscheidend: Wer inne hält und bewusst wahrnimmt, was gerade passiert, kann aus Werten und Intention heraus antworten, statt vom eigenen Stressmodus geführt zu werden.

Meta-Awareness ist die Fähigkeit zu bemerken, dass man gerade nicht präsent ist, eine Art innere Beobachtungsebene. Wer diese Fähigkeit der Wahrnehmung entwickelt, kann den eigenen Autopilot-Modus erkennen, bevor er (unangenehme) Konsequenzen hervorbringt: eine unbedachte Reaktion, ein übersehenes Signal, eine Entscheidung, die nicht wirklich durchdacht war. Für Führungskräfte ist das besonders relevant, weil ihre Reaktionen unmittelbar auf andere wirken.

Ja und das ist wissenschaftlich gut belegt. Studien zeigen, dass regelmäßige Achtsamkeitspraxis die Aktivität im sogenannten Default Mode Network reduziert, dem Teil des Gehirns, der für u.a. für Grübeln, Abschweifen und Tagträumen zuständig ist. Gleichzeitig stärkt sich die Verbindung zum präfrontalen Kortex, dem Bereich für Entscheidungen und Planung. Präsenz ist keine Charaktereigenschaft. Sie ist eine Fähigkeit, die durch Übung wächst und die Regelmäßigkeit braucht, keine Perfektion.

Häufige Auslöser sind Überforderung, Zeitdruck und das Gefühl zu viel auf einmal zu tragen. Aber auch körperliches Unwohlsein, anhaltende Sorgen oder fehlende Klarheit über die eigene Rolle können dazu führen, dass man nicht wirklich präsent ist, ohne es zu merken. Dazu kommen spezifische Situationen oder Beziehungen, die einen besonders zuverlässig in einen Reaktiven-Modus versetzen. Diese Muster zu kennen ist der erste Schritt: nicht um sie sofort zu ändern, sondern um sie überhaupt zu sehen und sich dann bewusst für eine Veränderung zu entscheiden.

Viele Führungskräfte suchen keinen Werkzeugkasten. Sie suchen Orientierung, Austausch und Sicherheit im eigenen Handeln. Im Führungskräftecoaching begleiten wir Führungskräfte dabei, ihre Führungsrolle bewusst zu gestalten und wirksam zu führen. protea begleitet dich gerne in deinem persönlichen Entwicklungsprozess.

Profilbild von der Autorin Mona Nielen

Mona Nielen

Zertifizierter Coach

Inhaltsverzeichnis

Wer im Autopilot-Modus führt, bekommt sich selbst nicht mehr mit. Und damit auch nicht das, was gerade wirklich passiert. Missverständnisse häufen sich, Konflikte eskalieren schneller, Entscheidungen passieren einfach, ohne dass sie wirklich getroffen werden.

Achtsame Führung setzt genau hier an. Nicht als Methode zur Außenwirkung, nicht als Führungspersönlichkeit die „präsent wirkt“. Sondern als Fähigkeit, den eigenen Zustand zu bemerken und aktiv zu gestalten, statt von Situationen gestaltet zu werden.

Dieser Artikel basiert auf dem protea Leadership-Circle zum Thema „Leadership & Presence“. Ibrahim (Co-Host des Formats & Mindful Leadership Trainer) hat einen Impulsvortrag gehalten und es gab einen intensiven Austausch zu den Themen und deren Zusammenhang: (innere) Präsenz, Führung, Autopilot-Modus und vor allem auch die Frage: Wie kann ich achtsame Führung stärken?

Achtsamkeit und Führung: Was die Neurowissenschaft zeigt

Das sogenannte Default Mode Network, ein Verbund von Hirnarealen, ist besonders aktiv, wenn wir im Autopilot-Modus sind: wenn wir grübeln, in der Vergangenheit oder Zukunft hängen, ohne konkreten Fokus im Hier und Jetzt. (Quelle)

In MRT-Studien leuchteten genau diese Bereiche auf, wenn Teilnehmende einfach still dasaßen und nichts taten. Sie waren, wie sie selbst berichteten, mit Gedanken über Vergangenes oder Kommendes beschäftigt. (Quelle: Brewer et al., 2011)

Studien mit Menschen, die regelmäßig meditieren, zeigen zwei Dinge: Sie verbringen weniger Zeit in diesem Hirn-Netzwerk. Und sie haben stärkere Verbindungen zwischen den zugehörigen Bereichen und dem präfrontalen Kortex, dem Teil des Gehirns, der für bewusstes Entscheiden und Planen zuständig ist. (Quelle)

Das bedeutet: Die Fähigkeit zu wählen, wann man wie reagiert und warum. Das ist kein „Nice-To-Have“ als Führungskraft. Es entscheidet maßgeblich darüber, wie man als Entscheider:in unter Druck agiert.

Innere Präsenz heißt zunächst: nicht im Autopilot-Modus zu sein

Das Gehirn ist auf Effizienz gebaut. Für vertraute Situationen aktiviert es gespeicherte Muster: Der Weg zur Arbeit, Rechner hochfahren, Smalltalk mit bekannten Kolleg:innen und auch die Agenda ist vertraut. In diesen Situationen können wir dann Tagträumen, uns mit der Präsentation für den Projekt-Pitch beschäftigen oder nochmal die „peinliche“ Situation von gestern Abend innerlich abspulen. Autopilot ist im vollen Gange. Wir alle kennen das.

Ibrahim beschreibt es so: Das Gehirn ist wie ein Flugzeug im Autopilot-Modus. Es kennt die Route, die Flughöhe, das Wetter. Solange alles vorhergesagt ist, läuft es reibungslos. Aber wenn plötzlich ein Sturm kommt, der nicht im System steht, gerät das Autopilot-Programm an seine Grenzen.

Achtsam führen heißt: den eigenen Zustand beobachten können

Präsenz ist nicht einfach das Gegenteil von Ablenkung. Sie hat eine zusätzliche Qualität, die im Englischen Meta-Awareness heißt: die Fähigkeit zu bemerken, dass man gerade nicht präsent ist. Das kennt fast jeder vom Autofahren. Du fährst, denkst an etwas anderes, und dann kommt plötzlich dieser Moment: Warte, ich muss jetzt auf die Straße achten. Etwas in dir bemerkt die Ablenkung und macht eine Pause. Aus dieser Pause entsteht Handlungsspielraum. Zu dieser Pause gesellt sich außerdem ein bestimmter Gleichmut (equanimity), nicht als eine Alles-Egal-Haltung, sondern eine Ausgeglichenheit, Offenheit und Klarheit bezüglich dem, was gerade ist.

„Leadership Presence is the ability to be fully present for what is happening while it is happening, with a sense of equanimity and clarity.“
[The Institute for Mindful Leadership]

Und auch diesen Modus kennst du gut aus deinem Unternehmensalltag: Du nimmst eine Mini-Geste der Kollegin war und gehst darauf ein, du kannst dem Kollegen voll und ganz zuhören und es ergibt sich eine überraschende Wendung im Gespräch, du kannst dich im Meeting auf eine andere Lösung, entgegen deiner Erwartung einlassen, du lässt los.

Reaktive vs. achtsame Führung: Was der Unterschied im Arbeitsalltag bedeutet

Wenn eine Krise auftaucht und du im Autopilot-Modus unterwegs bist, was wir meistens sind, schaltet das Nervensystem in einen Schutzmodus. Diese Schutz- oder auch Stress-Reaktion basiert auf Mustern: du handelst aus Angst, aus Gewohnheit, aus dem ersten verfügbaren Impuls heraus. Das ist nicht automatisch „falsch“, aber du agierst nicht bewusst, sondern reagierst unkontrolliert. Das ist in der Regel nicht die best mögliche Option im Krisenfall.

Im Führungsalltag sieht das z.B. so aus: Eine unerwartete E-Mail, eine heftige emotionale Reaktion eines Kollegen, ein Ergebnis, was nicht den eigenen Erwartungen entspricht oder auch eine Situation, die scheinbar völlig grundlos in einen Konflikt mündet. Und was ist die Schutzreaktion- bzw. das gelernte Stressmuster? Eine schnippische Antwort, eine Rechtfertigung, komplettes Ignorieren und weiter im Programm.

Was wir in der Regel nicht tun, ist: 1) Innehalten 2) Fragen: „Was passiert hier gerade?“ 3) Eine anschlussfähige Handlung definieren und 4) Die Handlung auch umsetzen. 

Achtsame Führung bedeutet nicht, langsamer zu werden oder weniger entschieden zu handeln. Es bedeutet, vor der Reaktion einen Moment innezuhalten, den Reiz-Reaktion-Raum auszudehnen, um bewusst und im Sinne der Sache zu entscheiden, statt das persönliche Stressmuster entscheiden zu lassen. 

Wie wirksam ein nur vierwöchiges  Achtsamkeitstraining für das Erkennen und Unterbrechen dieses Reiz-Reaktions-Muster ist, vor allem auch in Konflikten, zeigen die Erfahrungswerte von über 6.000 Teilnehmenden im Programm „Search Inside Yourself“ von Google, welches Ibrahim (Co-Host protea Leadership-Circle & Mindful Leadership Trainer und Facilitator) aufgebaut und weltweit trainiert hat. 

Die Grafik zeigt die positiven Auswirkungen der eigenen Wahrnehmung auf Führung nach 4 Wochen Achtsamkeitstraining

Achtsame Führung unter Druck: Was uns aus der Präsenz reißt

Innere Präsenz ist kein Dauer-Zustand, den man einmal erreicht und dann für immer beibehält. Die eigene Aufmerksamkeitsspanne ist begrenzt und die innere Präsenz bricht weg. Es lohnt sich, besser zu verstehen, wann und wieso es bei einem persönlich konkret passiert.

Überforderung ist eine häufige Ursache. Wenn zu vieles gleichzeitig da ist, schaltet das System auf Überleben. Der Körper ist angespannt, die Aufmerksamkeit springt, die Entscheidungen werden immer reflexartiger.

Ähnliches gilt für anhaltende Erschöpfung: Wer körperlich angespannt ist, bis hin zu akuten Schmerzen haben, hat es doppelt schwer, im „Hier und Jetzt“ zu sein und sich im „Körper zu verankern“.

Und es gibt noch eine tiefere Ebene: Präsenz ist auch dann schwer, wenn eine grundlegende Unklarheit da ist. Nicht nur die Frage, was in diesem Meeting gerade gebraucht wird, sondern die größere Frage nach dem Zweck: Worum geht es eigentlich gerade in meiner Führungsrolle? Was ist mein Fokus, mein Kompass?

All das sind keine Schwächen. Es sind Hinweise. Anstrengende Situationen, konkrete Beziehungen, bestimmte Themen, die einen zuverlässig in den Autopiloten führen, sind keine Fehler im System. Sie zeigen, wo es etwas zu klären oder zu stärken gibt.

Wenn achtsame Führung gelingt: Verbindung statt Anstrengung

Präsenz hat auch eine andere Seite. Nicht nur das Bemerken des Autopiloten, nicht nur die Pause vor der Reaktion, sondern auch das Erleben, wenn es stimmig ist, eine Art Mühelosigkeit. Nicht Leichtfertigkeit, eher das Gegenteil von Reibung. Man ist ganz da, die Dinge fließen, Entscheidungen kommen nicht aus Anstrengung heraus, sondern entstehen aus Klarheit.

Manche beschreiben das als ein Gefühl, wie ein Instrument zu sein, als würde die Führung nicht von einem erzwungen werden, sondern durch einen hindurchfließen, wie eine Melodie. Man tritt gleichzeitig einen kleinen Schritt zurück und ist dennoch vollständig anwesend. Man beobachtet, was passiert, und ist mittendrin. Das ist kein Rückzug, es ist vollständige Anwesenheit mit Überblick.

Dieses Erleben ist kein Zufallsprodukt. Es entsteht häufiger dort, wo Klarheit über die eigene Führungsaufgabe besteht und wo der Moment nicht mit ungeklärten Hintergrundthemen oder konkreten Stressoren konkurriert.

Präsenz entsteht häufiger dort, wo Klarheit über die eigene Führungsaufgabe besteht und wo der Moment nicht mit ungeklärten Hintergrundthemen oder konkreten Stressoren konkurriert.

Achtsame Führung üben: Was du konkret tun kannst

In der Gruppenreflexion im protea Leadership-Circle wurde eines sehr deutlich:

Präsenz wächst durch Übung. Nicht durch die Absicht allein zu üben, sondern durch das tatsächliche Einräumen von Zeit dafür. Das klingt banal, ist es aber in der Umsetzung nicht. Unterstützend kann dafür ein „Achtsamkeitswecker“ sein.

Im Arbeitsalltag vergehen oft, ohne es zu bemerke Stunden, ohne einmal innegehalten, ein Glas Wasser getrunken oder sich ein bisschen gedehnt zu haben. Und wie war das nochmal mit der Augenpause? 😉

Ein Wecker, der regelmäßig unterbricht, schafft Momente des Neuausrichtens: einen kurzen Atemzug, eine Körperwahrnehmung, eine bewusste Frage: Wo bin ich gerade? Oder auch einfach nur ein dringend nötiger Schluck Wasser (nicht Kaffee).

Kraft- und Körperpausen im Arbeitsalltag integrieren, ist auch eine gute Möglichkeit, um raus aus dem Kopf und mehr in den Körper zukommen. Spätestens nach drei Liegestützen ist alles Grübeln und Gedankenwelzen unterbrochen und du kannst dich kurz einnal resetten.

Ein anderes Thema war die persönliche Detektivarbeit. Bevor man Präsenz trainiert, lohnt es sich zu erkunden, was einen überhaupt aus ihr herausbringt. Welche Settings, welche Themen, welche Beziehungen schalten zuverlässig den Autopiloten ein? Das erst einmal zu beobachten, ohne sofort zu verändern, kann ein wichtiger erster Schritt sein.

Für manche wurde in der Reflexion auch etwas Körperliches sichtbar: dass Reserven aufgebraucht sind, dass es Auftanken braucht. Präsenz setzt einen Grundzustand von entspannt sein voraus, wer dauerhaft erschöpft oder angespannt ist, kann den Autopiloten nicht zuverlässig unterbrechen. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der Voraussetzungen.

Und manchmal zeigt sich im Innehalten ein Thema, das größer ist als die aktuelle Situation. Eine offene Frage in der eigenen Führungsrolle, eine Unklarheit über den eigenen Kurs, ein Gespräch, das ansteht und ein Thema, das Aufmerksamkeit und Raum braucht. Auch das ist ein valider Befund und ein Hinweis darauf, wo der nächste Schritt liegt.

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Präsenz lässt sich nicht einmalig herstellen. Sie entsteht durch Übung, und sie setzt voraus, dass man weiß, wo bei einem selbst der Autopilot zuverlässig anspringt. Wenn du merkst, dass du diese Frage für dich noch nicht beantwortet hast, oder dass da eine größere Unklarheit steckt, als nur die Frage nach der richtigen Technik, ist der Klarheits-Check ein sinnvoller nächster Schritt. Kein Programm, kein Commitment. Ein Gespräch, das Klarheit schafft.

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Melde dich zum nächsten Leadership-Circle am Freitag, den 8. Mai zum Thema „Leadership & Uncertainty“ an.

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inkl. Kleingruppenaustausch & Transfer in den Arbeitsalltag

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Drei Atemzüge und der Autopilot ist unterbrochen.

5 Fragen zur Selbstreflexion 

5 Fragen zu Präsenz und Führung, für die eigenen „Detektivarbeit“ zum Thema. 

FAQ: Achtsame Führung

Achtsame Führung bedeutet, bewusst wahrzunehmen was gerade passiert: in sich selbst, im Gespräch, in der Gruppe, statt automatisch auf Situationen zu reagieren. Es geht nicht um Außenwirkung oder Auftreten, sondern um eine innere Haltung: Erkenne ich, wann ich nicht präsent bin? Und was tue ich dann? Was ist in diesem Moment die bestmögliche Handlung im Sinne meiner Aufgaben und Ziele?

Reaktives Führen bedeutet: Der Reiz kommt, die Reaktion folgt automatisch, geprägt durch mein persönliches Stressmuster, mein Abwehrmodus oder auch einfach meine Denk- und Handlungsgewohnheiten. Achtsames Führen setzt einen Moment des Innehaltens dazwischen. Dieser Moment ist klein, aber entscheidend: Wer inne hält und bewusst wahrnimmt, was gerade passiert, kann aus Werten und Intention heraus antworten, statt vom eigenen Stressmodus geführt zu werden.

Meta-Awareness ist die Fähigkeit zu bemerken, dass man gerade nicht präsent ist, eine Art innere Beobachtungsebene. Wer diese Fähigkeit der Wahrnehmung entwickelt, kann den eigenen Autopilot-Modus erkennen, bevor er (unangenehme) Konsequenzen hervorbringt: eine unbedachte Reaktion, ein übersehenes Signal, eine Entscheidung, die nicht wirklich durchdacht war. Für Führungskräfte ist das besonders relevant, weil ihre Reaktionen unmittelbar auf andere wirken.

Ja und das ist wissenschaftlich gut belegt. Studien zeigen, dass regelmäßige Achtsamkeitspraxis die Aktivität im sogenannten Default Mode Network reduziert, dem Teil des Gehirns, der für u.a. für Grübeln, Abschweifen und Tagträumen zuständig ist. Gleichzeitig stärkt sich die Verbindung zum präfrontalen Kortex, dem Bereich für Entscheidungen und Planung. Präsenz ist keine Charaktereigenschaft. Sie ist eine Fähigkeit, die durch Übung wächst und die Regelmäßigkeit braucht, keine Perfektion.

Häufige Auslöser sind Überforderung, Zeitdruck und das Gefühl zu viel auf einmal zu tragen. Aber auch körperliches Unwohlsein, anhaltende Sorgen oder fehlende Klarheit über die eigene Rolle können dazu führen, dass man nicht wirklich präsent ist, ohne es zu merken. Dazu kommen spezifische Situationen oder Beziehungen, die einen besonders zuverlässig in einen Reaktiven-Modus versetzen. Diese Muster zu kennen ist der erste Schritt: nicht um sie sofort zu ändern, sondern um sie überhaupt zu sehen und sich dann bewusst für eine Veränderung zu entscheiden.

Viele Führungskräfte suchen keinen Werkzeugkasten. Sie suchen Orientierung, Austausch und Sicherheit im eigenen Handeln. Im Führungskräftecoaching begleiten wir Führungskräfte dabei, ihre Führungsrolle bewusst zu gestalten und wirksam zu führen. protea begleitet dich gerne in deinem persönlichen Entwicklungsprozess.

Profilbild von der Autorin Mona Nielen

Mona Nielen

Zertifizierter Coach

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